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Ein geschichtlicher Rückblick auf den

 Kraftverkehr Werner Singer Greiz

 

 

1947 feiert das Unternehmen als „Kraftverkehr Werner Singer Greiz i. Thür." sein 20-jähriges Jubiläum. Die Singer-Mitarbeiter, im fröhlichen Glauben an eine verheißungsvolle Zukunft!

 

Foto (2): J. Muser:

 

20  Jahre Singerbusse

Es war nicht leicht, nach den großen Rückschlägen, die Krieg und Zusammenbruch mit sich brachten, ein Kraftverkehrsunternehmen wieder aufzubauen. Und doch gelang es, trotz aller Material- und Treibstoffschwierigkeiten schon kurz nach dem Zusammenbruch 1945 mit einem Fahrzeug die ersten Verkehrsverbindungen in die weitere Umgegend herzustellen, lebenswichtige Güter- und Personenfahrten nach Gera, Erfurt und Leipzig durchzuführen. Gerade in jener Zeit, als die Eisenbahn infolge der Brückensprengungen völlig ausfiel, wurden in Tag- und Nachtfahrten für Greiz Verkehrs- und Beförderungsmöglichkeiten geschaffen, ja, durch Einrichtung regelmäßiger Fahrten Verkehrslücken geschlossen, die auch heute noch bestehen . . .
Aus kleinen Anfängen ist, 1927 gegründet, so der Kraftverkehr Werner Singer zu einem bedeutsamen, alteingesessenen und zuverlässigen Verkehrsunternehmen geworden. Lohnfuhren mit einem Lastwagen waren der Anfang damals; bereits 1928 konnten die ersten Omnibusse für Ausflugsfahrten eingesetzt werden und bis zum Kriegsbeginn zeugte ein stattlicher Wagenpark mit ständig gestiegenen Beförderungszahlen von der Leistungsfähigkeit des Unternehmens.

Der Krieg riss große Lücken in den Wagenbestand, die wenigen vorhandenen Fahrzeuge waren abgewirtschaftet. Dass es trotzdem gelang durch intensive Arbeit in eigenen Werkstätten seit 1945 wieder 4 Omnibusse einsatzfähig zu machen, weitere sollen folgen, ist der Beweis für den zähen Aufbauwillen unseres Unternehmens im Interesse der heimischen Wirtschaft und Bevölkerung.

Drei regelmäßig, fahrplanmäßig befahrene Linien: Greiz-Weida-Gera, Greiz-Jena-Weimar-Erfurt und Greiz- Altenburg-Leipzig, dazu gelegentliche Fahrmöglichkeiten nach Berlin, Dresden usw., auf denen 1946 ca.2 755 546 Personenkilometer zurückgelegt und 720 000 kg Fracht ohne Unfälle befördert wurden, sind wesentlicher Teil des heutigen Greizer Verkehrslebens geworden. Umfangreiche Klein¬gütertransporte, vor allem für Lebensmittel, Arzneien, zur Materialbeschaffung usw. kommen hinzu.
Trotz aller bestehenden Schwierigkeiten wird der Kraftverkehr Werner Singer, Greiz, versuchen, auch weiterhin seinen bekannten und bewährten Fernlinien-Verkehr regelmäßig durchzuführen, um Wirtschaft und Handel, Kultur und Parteileben der Stadt wie bisher zu dienen!

Quelle: Stadt Greiz 1947
 

Anhang
Den weiteren Verlauf der Firma Singer finden Sie unten im Beitrag:
Die Geschichte des Kraftverkehrs Werner Singer Greiz


 

Der Busbahnhof der Firma Singer

Der ehemalige Busbahnhof der Firma Singer

Der Busbahnhof war seiner Zeit weit voraus. Durch das große Tor (heute durch ein Oberlichtfenster abgesenkt) fuhren die Busse rückwärts in das Gebäude. Innen gab es für die Fahrgäste eine Gepäckabfertigung, einen Warteraum und ein Fahrkartenhäuschen.

Nach der Enteignung zog die die Firma Elektrobau ein und nach der Wende wurde das Gebäude saniert und heute von mehreren Unternehmen genutzt.

 

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 Geschichte des Kraftverkehrs Werner Singer Greiz

Quelle:  "Greizer Heimatkalender 2009" Seite 161 bis 170

 

 

Raimund Lorenz
Die Geschichte des Kraftverkehrs Werner Singer Greiz
 

Vielleicht inspirierten das silberne Band der Weißen Elster und der ewig blaue Himmel über Greiz die Bürger zur Wahl ihrer Stadtfarben Weiß und Blau. Seltsamerweise begann man in der alten Reußenmetropole Anfang der dreißiger Jahre im vorigen Jahrhundert plötzlich für ein zartes Gelb und ein kräftiges Braun zu schwärmen. Damals startete der kometenhafte Aufstieg des kleinen Handlungsgehilfen Werner Singer zu einem der renommiertesten und bekanntesten Omnibusunternehmer Ostthüringens.
Die imposanten gelbbraunen Singer-Busse beherrschten die engen Straßen der Stadt, wenn sie mit kraftvollem Klang und fröhlichem Publikum hinaus ins weite grüne Land fuhren. Heute ist Werner Singer, dessen Lebenslauf der Bahn eines Kometen glich, in Greiz fast vergessen. Was ist von dieser Sternenbahn Jahrzehnte später noch zu erkennen? Die Geschichte beginnt am 27. Februar 1880, als in Greiz Max Gottlob Singer geboren wird. Die Singers sind keine armen Leute. Sie handeln mit Fisch.

 

Max Gottlob nicht. Den zieht es in die Weberei, wo er es bis zum Akkomodeur (Textiltechniker) bringt. Im Februar 1927 kehrt er für kurze Zeit zum Fischhandel zurück, um wie aus heiterem Himmel wenig später, am 25. August 1927, das vielversprechende Gewerbe einer Lastkraftwagen-Vermietung anzumelden.

Auf den Straßen verdrängt mittlerweile Mot das betuliche Hot. Überall schießen Fahrzeugwerke wie Pilze aus dem Hoden, Motorrennen ziehen lausende in ihren Bann, Kraftwagen mit drei und mehr Rädern, Omnibusse, Traktoren und Motorräder ersetzen allmählich Ochsen, Pferde, Kutschen, Kasten-, Plan- und Tafelwagen. Die hohe Zeit des Individualverkehrs ist es noch nicht, dennoch spüren weitsichtige Kaufleute, welche Chancen für sie auf der Straße liegen und werden aktiv. Plötzlich stehen überall Kraftdroschken-, Mietwagen- und Omnibusunternehmen bereit, die für gutes Geld die Räder rollen lassen.
1925 wird der Städtische Kraftomnibus-Verkehr Greiz (kov) gegründet. Drei Jahre später befördert der KOV im Verein mit Greizer Unter-nehmern wie Herbert Ambach, Carl Arnold, Franz Beck, Erich Bergmann. Arno Dietel, Werner Einsiedel, Georg Lippen. Franz Piehler und der Deutschen Reichspost im Linien- und Mietverkehr schon Hunderttausende

Fahrgäste mit und ohne Gepäck sicher und bequem an das gewünschte Ziel. Wahrscheinlich gibt es im ganzen Deutschen Reich nur einen Mann, der in dieser heißen Konjunkturphase seinen Gewerbeschein wieder zurückgibt.  Das ist Max Gottlob Singer aus der Lindenstraße Nr. 5. Am 23. November 1928 bezahlt er im Greizer Rathaus 2,50 Mark für die Abmeldung seines Mietwagen-Geschäfts.Da tritt sein Sohn auf den Plan! Zahlt 2,50 Mark und meldet am selben Tag die Lastauto-Vermietung auf seinen Namen, „Kaufmann Werner Max Singer, geb. am 8.August 1909, wohnhaft Greiz, Lindenstraße 5", wieder an.

Warum das Hin und Her passierte, weiß heute kein Mensch mehr. Es ist auch ohne Belang, wann der Kraftverkehr Werner Singer Greiz exakt gegründet wurde. Das erste Singer-Auto war ein kleiner Lastwagen eines amerikanischen Herstellers, vermutlich ein Chevrolet. Max Singer fuhr damit Milch,Werner war das zu wenig. Er baute den Wagen um und was dabei herauskam, nannte er „Reiseomnibus". Lag es an der Greizer Fußfaulheit oder an seinen günstigen Fahrpreisen: Das Geschäft ließ sich gut an. Schon bald kaufte er einen gebrauchten Leichenwagen Mercedes Nürburg dazu und führte eine Zeit lang entsprechende Aufträge für die Greizer Stadtverwaltung aus. Als bald darauf die sogenannte „Leichenfrau" starb, gab er den Wagen wieder ab und konzentrierte sich von nun an ganz auf den Aufbau seines kleinen Omnibusunternehmens.

Die nächste Anschaffung des gut aussehenden Zwanzigjährigen war ein richtiger Omnibus für 20 Passagiere. Er taufte ihn auf den Namen „Schwalbe". Das schnelle, wendige Vögelchen entsprach seiner Vorstellung von modernem Reiseverkehr. Eine fliegende Schwalbe wurde sein erstes Firmen-Kennzeichen. Fotos aus jenen Tagen von Singer-Bussen mit fröhlichen Reisenden bestätigen, dass das junge Unternehmen auf dem richtigen Weg ist. Ausflugsfahrten werden Singers Spezialität. Heute kaum noch vorstellbar, kannte der Durchschnittsdeutsche die Welt damals nur soweit ihn seine Füße trugen. Abgesehen von gelegentlichen Bahnfahrten zu Verwandten in der Nachbarschaft kam er selten von zu Hause weg.

Dazu fehlten ihm nicht nur die Mittel, sondern auch die Gelegenheiten. In Greiz, zum Beispiel in der Weberstraße, galt schon als „vermögend", wer ein Fahrrad besaß. Das besserte sich nicht für alle, aber für viele mit dem massenhaften Aufkommen der Kraftomnibusse. Weder an Schienen noch an Fahrpläne gebunden, konnte die Branche dem hochverehrten Publikum sofort eine Art Individualverkehr zu erschwinglichen Preisen anbieten, der die ungeheure Neugier, die Reiselust und die große Freude am Autofahren breiter Kreise zu befriedigen versprach. Die Leistungsstärke der Greizer Chemie-, Maschinenbau-, Papier- und Textil-industrie überbrückte zudem die Turbulenzen der jahrelangen Weltwirtschaftskrise wesentlich besser als die Konkurrenz in anderen Teilen des Reichs. So konnte der tüchtige Werner Singer auch in der Zeit von 1929 bis 1933 seinen kleinen Betrieb weiter ausbauen und vergrößern.

Auch privat widerfährt ihm großes Glück, als er die hübsche Helene Zimt aus Daßlitz kennenlernt. Fräulein Zimt verliebt sich in den forschen Werner, aber sie hat auch noch etwas anderes in ihr kleines Herz geschlossen: glänzende Omnibusse. Diese Konstellation muss zwangsläufig in die Ehe münden, und so heißt Fräulein Zimt ab dem 20. November 1934 tatsächlich Frau Singer. Im folgenden Jahr wird Sohn Siegfried geboren, der, anscheinend mit Motorenöl getauft, später spurgenau in die Fußstapfen seiner Eltern tritt. Seiner Eltern? In der Tat! Seine Mutter,gelernte Schneiderin, steht bald ihren Mann in dem reinen Männerbetrieb und setzt sich, damals eine Exotin, ans Steuer der immer größeren Singer-Busse und lenkt sie durchs Greizer Land.

Ab I. April 1935 übersiedelt Auto-Singer von der Lindenstraße in die Wilhelmstraße Nr. 1. Wohnung mit Kinderzimmer und Reisebüro im 1. Stock. Da um die Ecke in der Weberstraße, gegenüber der Garage vom Gemüsehändler Poser, eine Halle frei geworden ist, richtet Werner Singer dort seinen „Busbahnhof" ein, der bis zum Schluss der stadtbekannte Anlaufpunkt seiner Greizer Fahrgäste bleibt. Seine Ausflugsfahrten sind beliebt. Obwohl die Konkurrenz in Greiz nicht schläft, die Droschken, Mietautos, Omnibusse und Aussichtswagen seiner Kollegen Alfred Jubel, Carl Semper, Max Valazza, die Busse der Deutschen Reichspost und des Städtischen Kraftomnibus-Verkehrs sozusagen liegen überall wie hungrige Krokodile auf der Lauer, setzt sich Werner Singer durch. Dazu schildert Dr. Werner Schumann in seinem autobiografischen Buch „Ein Leipziger auf dem Weg zum Millionär" eine interessante Begebenheit: „Mit einem netten Reisebus, den er,

 

 

zu Ehren seines Sohnes .Siegfried'taufte, unternimmt der fortschrittlichste Omnibusuntemehmer Deutschlands,Werner Singer ans Greiz, vom 1-8.Juli 1937 aufgrund einer Sondergenehmigung eine Fahrt nach Paris. " Diese Fernreise blieb aber eine Ausnahme.
Die Standard-Angebote der lokalen Autoreisen-Anbieter gingen teils aus technischen, teils aus finanziellen, aber auch schon aus politischen Gründen nur ganz selten über die Region hinaus. Halbtagsfahrten zur Saaletalsperre, zur Teufelstalbrücke, eine Fahrt über die Reichsautobahn, nach Bad Klosterlausnitz, Auma, zur Schlötenmühle, nach Waldhaus, zum Lindenhof-Variete in Zwickau, zur „Feierohmtschau" nach Schneeberg oder irgendwohin zum Karpfenessen kosteten zwischen 1,- bis 3,- Reichsmark.

Als Luxus galten die bis zu fast 7,- Mark teuren sogenannten Ganztagesfahrten nach Bad Elster, Bayreuth, Berneck, Dresden und, nach dem Münchner Abkommen vom 29./30. September 1938, über Franzensbad nach Eger, ins soeben „abgetretene" Sudetenland. Damals zogen wieder dunkle Wolken über Europa und warfen ihre hässlichen Schatten auch auf Greiz. Wahrend der Sudetenkrise mussten die Omnibusunternehmer einen Teil ihrer Fahrzeuge auf Abruf bereithalten. Ging die glückliche Zeit unmerklich ihrem Ende zu? Nur wenige Menschen sahen das drohende Unheil kommen. Die Greizer genossen weiter die absoluten Höhepunkte des Jahres: die Reisen zu Motorradrennen wie dem „Großen Preis von Deutschland" in Hohenstein-Ernsttal für 3,80 RM, oder zum Schleizer Dreieckrennen, Fahrpreis 2,20 RM plus 95 Pfennige Eintritt, oder zur Leipziger Messe, wofür 5,10 Mark zu zahlen waren.

Der Wochenlohn eines Arbeiters, eines „Gefolgschaftsmitgliedes", betrug damals etwa 40 Reichsmark. Damit konnte man keine großen Sprünge machen. Aber da Auto-Singer auch Vereins- und Gesellschaftsfahrten anbot, kam wer wollte schon hin und wieder über die Greizer Stadtgrenze hinaus. In der letzten Werbeanzeige vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges offeriert Werner Singer in der Greizer Zeitung vom 24. Dezember 1938 eine Silvesterfahrt mit anschließender Silvesterfeier und Tanz.
Danach wird es ernst. Wie angedeutet, war die Beförderungsbranche auch in die militärische Planung des III. Reiches einbezogen worden.

Etwa ab 1936 wurden sämtliche Kraftfahrzeuge gemustert. Für jedes registrierte Fahrzeug war ein Fahrer zu melden. Noch vor dem Frankreichfeldzug wurde 1940 einer der drei Singerbusse von heute auf morgen requiriert und in die Umgebung von Saarbrücken an den Westwall befohlen. Mit dem Chef, Werner Singer, als Fahrer! In Greiz übernahm seine 27 Jahre alte Frau Helene, unterstützt von ihren Schwiegereltern die schwierige Aufgabe, den im technischen Bereich anspruchsvollen und komplizierten Betrieb unter Kriegsbedingungen weiterzuführen. Ihr Ehemann ist inzwischen zum Schirrmeister befördert worden und zieht mit der Wehrmacht über Frankreich weiter nach Russland.

Er wird im Mittelabschnitt eingesetzt und hält die Ohren steif. Der schöne Bus ist hin. Macht nichts. Seine Familie lebt noch! Ihn trösten die Briefe aus Greiz, wo sich natürlich auch vieles verschlechtert hat, das aber bisher Gott sei Dank von Terrorangriffen der Amis und Tommies verschont blieb. Von seinem Fuhrpark ist nicht mehr viel übrig geblieben. Omnibus Nr. 2 fährt jetzt im Auftrag der Deutschen Reichspost Liniendienst, am Steuer Frau Singer.

Omnibus Nr. 3 musste ohne Fahrer nach Buchenwald bei Weimar abgegeben werden, wo 1937 ein weiteres Konzentrationslager eröffnet worden war. Der Buchenwaldbus wird von Singer-Mitarbeitern für die vorgeschriebenen Inspektionen nach Greiz überführt, hier gewartet und anschließend wieder, wie sie meinen ins „Arbeitslager", zurückgebracht. Zur eigenen und anderer Leute Sicherheit stellt man dazu besser keine Fragen. Manchmal wabbern da und dort um die „Arbeitslager" vage Gerüchte. Dann ist Gefahr im Verzug! Dann heißt es: Ohren dicht! Schnabel zu! In diesem Klima kommt Werner Singer wieder einmal auf Heimaturlaub und findet seine Frau krank darniederliegend. Der behandelnde Arzt vermutet nichts Böses, weist sie aber zur genaueren Untersuchung in die Greizer Privatklinik Dr. Salzwedel ein, während sich der Urlauber beruhigt wieder zu seinem Verband an die zurückflutende Ostfront durchschlägt.

 

 

 

Im Feld erreicht ihn dann die furchtbare Nachricht, dass seine geliebte Frau ganz plötzlich und unerwartet am 8.November 1944 verstorben ist. Inzwischen ist seine Einheit so dezimiert, dass sie aus der Front gezogen und zur Auffrischung nach Landau in der Pfalz verlegt wird. Das rettet dem Greizer vermutlich das Leben. Im Juni 1945, kurz nach Kriegsende, ist Werner Singer wieder zu Hause! In Greiz spricht keiner vom „Kriegsende". Für die Bevölkerung ist das eben durchlittene Desaster kurz und bündig der „Zusammenbruch". Wenn Greiz auch im Vergleich zu ähnlichen Städten noch sehr glimpflich davonkam, so sind die sinnlosen Opfer an Leben, Geist und Gut doch beträchtlich. Alles scheint kaputt und sinnlos. Gab es noch einen Gott? Kaum ein Mensch glaubte an eine bessere Zukunft. Zu den Optimisten zählte Werner Singer!

 

1947- Das neue Singer- Geschäftshaus in Greiz-Aubachtal, Feldschlösschenstr. 1-3. Mehrzweckgebäude mit Wohnungen, Büro, Werkstatt und Garagen Die 1,20 m hohen Singer-Buchstaben fer-tigte Singers Freund und Aushilfsfahrer, Klemp¬nermeister Max Heinig, aus der Pohlitzer Straße
 

Obwohl ihn der plötzliche Verlust seiner Frau tief berührte und die wenigen vorhandenen Fahrzeuge total abgewirtschaftet waren, dachte der Mann im besten Alter nicht daran, sich unterkriegen zu lassen. Er konnte einen gebrauchten Bus der Wiener Graf und Stift-Werke auftreiben. Ein stattlicher Bursche, außen nicht in bestem Zustand, aber innen kerngesund. So fing Singer 1945 wieder an. Einer seiner Kunden erzählt über 60 Jahre später, was er als Teilnehmer einer Fahrt in den Sommerurlaub 1946 erlebte: „Den Bus hatte unser Netzschkauer Unternehmen für eine Ferienfahrt nach Ahlbeck an der Ostsee bestellt. Abfahrt 18.00 Uhr in Greiz.

 

 

1948-Der Magirus mit Alfa-Romeo-Motor streikt. Dahinter parkend Singers fliegende Opel-Pannenhilfe
Ankunft 7.00 Ahlbeck. Die Fahrt in dem Benzin-Gasbefeuerten Opel-Omnibus verlief bis auf einen Zwischenfall ohne Pannen. Kurz nach dem Start kam es in Greiz-Gommla zu einer Fahrzeugberührung mit einem Jeep der Roten Armee.  Über den geringen Schaden kam es zwischen den Fahrern zu einem Wortwechsel, der damit endete, dass der Russe dem Singer eine Schelle verabreichte. Damit war für die Russen der Fall erledigt und sie fuhren weiter.   

1949- Der Gräaf und Stifi-Omnibuszug, rechts leicht verschrammt

Auch der Gasflaschenbus setzte seine Fahrt Richtung Norden fort, mußte allerdings Berlin umfahren, weil Singer nicht den erforderlichen Propusk der Russen für die Durchfahrt des großen Trümmerhaufens besaß." Zwei Jahre nach Kriegsende ist das Schlimmste überwunden. 1947 feiert das Unternehmen als „Kraftverkehr Werner Singer Greiz i. Thür." sein 20-jähriges Jubiläum und kann unglaubliche Erfolgszahlen vorlegen.

Der im August 1947 erschienene Bildband „Greiz die Park-, Schloß- und Industriestadt" widmet dem Kometen aus der Weberstraße eine Seite und schreibt u.a.: „Es war nicht leicht, nach den Rückschlägen, die Krieg und Zusammenbruch mit sich brachten, ein Kraftverkehrsunternehmen wieder aufzubauen. Und doch gelang es trotz aller Material- und Treibstoff Schwierigkeiten, schon 1945 mit einem Fahrzeug die ersten Verkehrsverbindungen in die weitere Umgebung herzustellen, lebenswichtige Güter- und Personenfahrten nach Gera, Erfurt und Leipzig durchzuführen. Gerade in einer Zeit, als die Eisenbahn infolge Brückensprengungen völlig ausfiel,

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1951- 8. Mai, Tag der Befreiung, Busparade vor der Aubachtaler Turn¬halle,

 gegenüber dem Singer-Betriebshof. Der junge Mann in der Mitte oben ist

 Siegfried Singer

wurden in Tag- und Nachtfahrten für Greiz Verkehrs- und Beförderungsmöglichkeiten geschaffen, ja durch Einrichtung regelmäßiger Fahrten Verkehrslücken geschlossen, die auch heute noch bestehen. Durch intensive Arbeit in eignen Werkstätten gelang es seit wieder 4 Omnibusse einsatzfähig zu machen.Drei regelmäßig, fahrplanmäßig befahrene Linien:
Greiz- Weida-Gera, Greiz-Jena- Weimar-Efurt und
Grciz-Altenburg-Leipzig, dazu gelegentliche Fahrmöglichkeiten nach Berlin, Dresden usw., auf denen 1945 2.155.546 Personenkilometcr zurückgelegt und 120.000 kg Fracht

ohne Unfälle befördert wurden, sind ein wesentlicher Teil des heutigen Greizcr Verkehrslebens geworden."Der Geschäftsverlauf unmittelbar nach dem Krieg war so erfolgreich, dass Werner Singer sich entschloss,das jahrzehntelange Provisorium Weberstraße, wo die großen Busse im Freien abgestellt werden mussten, durch einen modernen Neubau mit Werkstatt, Garagen, Büro- und Wohnräumen zu ergänzen.

Aus Privathand kaufte er ein Brachgelände in Greiz-Aubachtal. Dort entstand dann tatsächlich ein stattliches Gebäude, das haargenau dem Credo der späteren DDR-Nationalhymne „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt" entsprach. Aus dem Trümmerschutt kamen die Heizkörper, kam ein Teil des Baumaterials, alles Verwertbare wurde zurechtgeklopft,aufgearbeitet und umgemodelt, bis es irgendwo passte, eine Funktion erfüllte.

Der viel bestaunte Bau war das gemauerte Vertrauen Werner Singers in die Zukunft. Dem schwer angeschlagenen Städtischen Kraftomnibusverkehr Greiz, der mit seinen Holzvergaser- und Leuchtgasvehikeln sowie den anfangs sehr anfälligen O-Bussen den öffentlichen Personenverkehr nicht bewältigen konnte, stellte Werner Singer seinen leistungsfähigen Kraftverkehr zur Seite. Im Gegensatz zur Friedenszeit fuhren seine Busse jetzt fast nur noch nach Fahrplan im Linienverkehr sternförmig von Greiz aus ins Land und noch etwas weiter. So schwärmt das Greizer Optikerehepaar Ebert heute noch von den zuverlässigen Singer-Omnibussen, die sie während ihres Studiums täglich nach Jena hin-und zurückbrachten.
Etwa ab Ende 1948/Anfang 1949 konsolidierte sich das Leben in Greiz allmählich wieder. Die Schreckensjahre waren vorbei. Mit der Eröffnung des HO-Kaufhauses am Puschkinplatz können die Greizer sogar wieder Buttercremetorte und Schuhe ohne Bezugsmarken kaufen. Um 1950 bietet Singers Kraftverkehr seine Dienste für fünf Nahverkehrs- und drei Eillinien an. Sein Fahrzeugbestand reicht inzwischen von Graf und Stift, Krupp-Junkers, MAN, Magirus mit Alfa-Romeo-Motor und Opel bis zu zwei recht ansehnlichen französischen Berliet-Fontlenkern. Im Nahverkehr werden an die Busse bei starkem Andrang aus Wehrmacht-Scheinwerferwagen zusammengebastelte Personenhänger gekoppelt.

 

1952-20. April; Fahrzeugparade anlässlich des 25-jährigen

Geschäftsjubiläum

Ohne Improvisation läuft nichts! Die Deutschen entpuppen sich als Zauberkünstler im Alltag. Seit dieser Zeit fahrt Singer auf Wunsch bereits wieder zu interessanten Veranstaltungen, wie zum Fußballgroßkampf Motor Zwickau - Union Halle, zur Kirmes in Wildetaube oder zur Leipziger Messe. Sonderfahrten bringen die berühmte Greizer Ringermannschaft und ihre Anhänger zu den Auswärtskämpfen der Oberliga. Der Vierzigjähnge steht auf dem Höhepunkt seines Lebens.

Sein prachtvoller Kraftverkehr ist zu einem bedeutenden Greizer Dienstleistungs-Unternehmen aufgestiegen. Zum Tag der Befreiung am 8. Mai 1951 verströmen 35 Singer-Mitarbeiter, gruppiert vor fünf seiner schönsten Omnibusse in Paradeaufstellung, ihren fröhlichen Glauben an eine verheißungsvolle Zukunft!
Am 15. September 1951 sucht KWS per Zeitungsinserat weitere Kfz-Schlosser und Karosserieklempner für seine restlos ausgelasteten Werkstätten. Am 20. April 1952 begeht das Omnibusunternehmen in Greiz-Aubachtal sein 25-jähriges Geschäftsjubiläum. Originelle Blumengebinde werden gereicht, tolle Redner treten vor. Den Tag beschließt eine feucht-fröhliche Jubiläumsfeier, auf der die Mitarbeiter ihren verehrten Chef noch einmal von Herzen hochleben lassen.

Fast auf den Tag genau zwei Monate später verkündet die DDR mit dem „Gesetz über die weitere Demokratisierung des Aufbaus und der Arbeitsweise der staatlichen Organe in der DDR" eine tief greifende Verwaltungsreform und begibt sich nach dem Vorbild der sowjetischen Freunde auf den Weg zur Volksdemokratie.

Dazu gehören die Selbstauflösung der fünf Länder, die Gründung von 14 Bezirken,ausschließlich Berlin,und die forcierte Enteignung von Privatvermögen unter Zuhilfenahme aller legalen und illegalen Machtmittel. Der gerade noch gefeierte Werner Singer hat seine Pflicht erfüllt. Er ist jetzt ein Störfaktor. Einflussreiche Freunde lassen ihn im Dezember 1952 wissen, dass man gegen ihn ermittelt. Er, der sein quirliges Omnibusmuseum nur durch über Westberlin besorgte Ersatzteile fahrbereit halten konnte, der auch die Greizer Stadtverwaltung bis hin zu Vertrauten der Volkspolizei mit

Westwaren versorgte, weiß sofort was die Stunde geschlagen hat. Kurz vor seiner Verhaftung setzt sich Werner Singer in seinen alten Opel Super 6 und flüchtet Hals über Kopf nach Westberlin. Sein Lebenswerk, der moderne Werkhof,' neun schmucke Omnibusse, sein Stolz, die vier selbst gebauten Personenanhänger, alles verloren. Kann ein Mensch das verkraften? Seine plötzliche Flucht erregt in Greiz großes Aufsehen. Über Westberlin kommt der Verjagte nach Frankfurt am Main, wo das Greizer Organisationsgenie zunächst an einer amerikanischen Großtankstelle Arbeit findet. Eines Tages bringt ihm der Briefträger ein Einschreiben der DDR-Justiz. Ihm wird mitgeteilt, dass er inzwischen wegen Steuerhinterziehung und Wirtschaftsverbrechen angeklagt und verurteilt worden ist. Sein Betrieb wurde enteignet und von den auf Kreis- und Bezirksebene arbeitenden Verkehrsbetrieben „übernommen". Aufgrund dieses Dokuments wird W S. ein Aufbaudarlehen gewährt.

 

Er gründet einen Fuhrbetrieb und fängt mit einem gebrauchten Büssing Unterflurlastwagen noch einmal von vorn an. Sein Sohn Siegfried, der mittlerweile in Landau lebt, kommt ihm zu Hilfe.
Aber der kleine Fuhrbetrieb bleibt eine Episode. Werner Singer schließt das Kapitel bei plusminus Null, bevor es zu spät ist. Als die deutsche Zweigniederlassung des angesehenen Battelle Memorial Institute in Frankfurt a. M. einen Leiter des Einkaufs sucht, greift er zu und wird in verantwortlicher Stellung Angestellter im Monatslohn. Mit seinem exemplarischen Schicksal hadert Werner Singer nicht. Er ist glücklich, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

Da erleidet er am 31. Mai 1970 völlig überraschend einen Herzinfarkt und stirbt ... Das ist der Schluss der Geschichte. Nachzutragen bleibt noch, dass der verdienstvolle Mann seine Heimatstadt nie vergessen hat. Bis zuletzt stand er mit ehemaligen Greizer Mitarbeitern und Freunden in Verbindung und unterstützte sie, so wie er es immer getan hatte, wenn Not am Mann war. Greiz hat, wie erwähnt, seinen tüchtigen Sohn fast vergessen. Fast ist aber nicht ganz. Das wollte diese Erinnerung an den braven Menschen Werner Singer aus Greiz gern einmal aufzeigen.

 

Quellenverzeichnis:
- Gewerberegister der Stadt Greiz. 1925—1928; StA Greiz, Bestand
B8808
- Einwohnerkartei der Stadt Greiz; StA Greiz
- Amts- und Verordnungsblatt auf das Jahr 1909, Greiz; StA Greiz
- Thomas Gerling „SO Jahre Omnibusverkehr in Greiz"; Greizer
Heimatkalender 2005, S. 13
- „Die Geschichte der PRG Greiz", ohne Autorenangabe; ÜB Erlangen, Internet
- Einwohnerbuch 1926; Hauptbücherei Greiz
- Einwohnerbuch 1930; Hauptbücherei Greiz
- Einwohnerbuch 1934; Hauptbücherei Greiz
- Dr. Werner Schumann „Ein Leipziger auf dem Weg zum Millionär",
S. 24 ff.; Archiv Lorenz
- Div. Anfragen StA Saarbrücken; Amt für Zivilschutz Saarbrücken;
StA Brüssel; ALH
- Greizer Zeitung, Ausgaben 1937. l938;ThStA Greiz
- Thüringer Volk, Ausgabe !947;ThStA Greiz
- Das Volk, Ausgaben 1950, 1951. 1952;ThStA Greiz
- Bildband „Greiz, die Park-, Schloß- und Industriestadt". August
1947;
- Div. Unterlagen zur Geschichte der DDR: Uli Erlangen
- Dr. Franz Hauschild „Das schone und schaffende Vogtland" S. 28:
ALU
- Schriftliche und mündliche Informationen Herr Siegfried Singer,
Fa M, an Verfasser; ALH
- Div. mündliche Mitteilungen Greizer Bürger
- Beobachtungen bez. Fa. Singer aus eignem Erleben
Fotos: Sammlung Singer